Frauenpower!

[Cordula] Bisher saßen unsere Puten immer auf den Fensterbrettern und schauten hinaus in die weite Welt, die von grünem Gras, warmen Sonnenstrahlen und Hühnern nur so wimmelte. Wie ich den Kackaspuren entnahm, die ich im Putenstall fand, hatte auch das eine oder andere Brahmaküken nachgeschaut, was das denn für merkwürdige Gestalten waren, die tagein, tagaus durch die Fenster blickten.

Ich konnte mir das nicht mehr mit ansehen, wie sie ständig so sehnsüchtig nach draußen schauten, und auf Peters Rückkehr wollte ich mit ihrer Freilassung definitiv nicht warten. Selbst ist die Frau, und schafft man etwas nicht allein, hilft eben eine andere Frau mit. Nicht nur deswegen bekam ich gestern Besuch von Annika, aber es war ein netter Nebeneffekt (einer von vielen :)), daß ich den Zaun für die Puten nicht allein ziehen mußte. Fünfzig Meter Fertigtextilzaun zieht man am besten mit mindestens zwei Personen, und so war ich froh über ihre Hilfe. Wir schnitten den geplanten Zaunverlauf von wilden Himbeeren, Gras und Lupinen frei. Der eine oder andere Birkenschößling mußte dran glauben, und ich fällte sogar einen etwas größeren Baum, damit wir den Zaun ziehen konnten.

Es war nicht einfach, den Zaun zu ziehen. Annika ließ sich in ihrer Arbeitswut auch nicht aufhalten, als ich Besuch bekam, mit dem ich ein Gespräch geführt habe. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, daß die Puten am nächsten Tag in die Freiheit entlassen werden sollten und arbeitete verbissen weiter, bis der Zaun stand. Wir mußten dann nur noch einige Schlupflöcher mit Steinen verschließen.

Heute früh war es dann soweit: Beide Türen wurden geöffnet. Die Puten schauten ganz verdattert auf das vorher nicht vorhandene Loch in der Wand. Neugierig wagten sie sich vor, erst schaute ein Kopf durch die Luke, dann ein zweiter, und irgendwann wagte eine von ihnen den ersten Schritt hinaus, dicht gefolgt von den nächsten abenteuerlustigen Gestalten.

Vorsichtig beguckte man die Stufen, bevor man sich langsam und behutsam richtung grünes Gras zubewegte. Es wurde gezögert, immer mal wieder geguckt, ob man es auch wagen kann, hoppla, was scheint mir da so warm auf den Kopf, ist das etwa die Sonne?! Man ließ sich nicht beirren. Ich hätte nicht geglaubt, daß sie es so prompt wagen würden.

Großes, aufgeregtes Geschnatter. Die Welt ist ja toll und spannend! Und natürlich gab es nach wenigen Minuten ein Geflatter und Durcheinander: Eine der Puten war über den Zaun- hm, geflogen nicht, es war eher eine Kombination aus Flattern und Hüpfen. Schockiert wollte sie wieder auf die andere Seite zu ihren Kollegen, verfing sich aber immer im Netz. Gut, daß wir dabei standen und helfen konnten. Flugs hatten wir sie über das Netz zurück geworfen und hofften, daß es bei dem einen Ausreißer bleiben würde.

Dann verloren drei Puten irgendwie den Anschluß an die Truppe, und Annika half ihnen vorsichtig wieder zurück in die Sicherheit der Gruppe.

So laut haben sie im Stall nie geschnattert und ihre typischen Putengeräusche von sich gegeben. Eindeutig: Sie sind glücklich!

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