Flügel stutzen

[Cordula] Seit fast drei Wochen wohnen sie jetzt bei uns: Unsere Puten. Und da sie sich hier allmählich richtig zuhause fühlen und nicht mehr in Panik ausbrechen, wenn sie uns sehen, sollen sie ab morgen in die Freiheit entlassen werden. Will heißen: Wir öffnen die Stalltür, und wen es hinauszieht, der darf draußen spazieren gehen. Die Sonne genießen. Den hoffentlich blauen Himmel. Und Gras unter den Füßen! Nun sind Puten ja dafür bekannt, daß sie fliegen können. Es gibt verschiedene Ansichten darüber, ob man ihnen die Flügel stutzen soll oder nicht, ob es überhaupt etwas bringt, oder ob man es vielleicht sein lassen sollte. Puten können aus dem Stand zwei Meter hoch springen, so daß der Zaun sowieso kein Hindernis für sie darstellt; da wir aber vermeiden wollen, daß sie auf Bäumen nächtigen, haben wir uns für das Stutzen eines Flügels entschieden. 

Da wir unsere Gäste gern einspannen und Peter heute noch einmal auf dem Rittermarkt in Hova steht, haben Eric und ich uns der Sache angenommen. Es startete mit dem heiteren Putenjagen. Das war mein Job, genauso wie das Festhalten des Federviehs auf meinen Knien. Natürlich wurde ich auch vollgestriezt und vollgekotet, war ja irgendwie klar...

Eric schwang die Schere und nahm, politsch korrekt, von den fertig entwickelten Flugfedern des rechten Flügels ein gutes Stück weg. Edda hätte am liebsten mitgemischt, so daß wir entschieden durchgreifen mußten. Sie betrachtete das Spektakel dann aus einigen Metern Entfernung. Wir zählten mit, wieviele Puten wir denn jetzt schon ihrer Flugfedern beraubt hatten; die Suche nach dem letzten unbeschnittenen Exemplar gestaltete sich jedoch als ziemlich schwierig, so daß wir ernsthaft in Erwägung zogen, uns verzählt zu haben. Dann jedoch entdeckten wir die letzte ihrer Art, und auch ihre Federn mußten dran glauben.

Morgen ist es dann soweit: Wir werden die Stalltür öffnen und sehen, wer sich hinaus wagt.

Nach der trotz allem lustigen Aktion mußten wir Lisas Ball retten, der irgendwo unter der Veranda vergraben war. Irgendwie war er ihr von der Treppe abgeprallt und in das Holzlager gerutscht. Ihr Unglück war groß, aber ich wurde ihre Heldin: Ich befreite den Ball aus seiner mißlichen Lage.

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