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Die Zähmung

C: Hühner sind was tolles, das war mir klar, sobald vor einigen Jahren die ersten Hühnchen bei mir einzogen. War ich ursprünglich der Meinung gewesen, Hühner seien eben einfach nur Hühner, so belehrten mich meine zweibeinigen Freunde rasch eines besseren, und bald konnte ich mir ein Leben ohne Hühner nicht mehr vorstellen. Krähte und gackerte es nicht, fehlte einfach etwas. Und so war ich froh, als nach Beendigung meiner langen Auszeit vor zwei Jahren endlich wieder die ersten Hühner die Wiese bevölkerten. Getauscht gegen zwei Säcke Hühnerfutter, stellten uns diese Hühnchen jedoch vor ziemliche Herausforderungen. Angefangen beim Underground- Huhn, das trotz Einzäunung bei der ersten Gelegenheit entfloh: Die Henne flog über den Zaun und quer über das Grundstück bis in ein Dickicht. Über zwei Wochen lang narrte uns diese fliegende Aufrührerin, bis wir ihrer mithilfe einer gemeinschaftlichen Such- und Fangaktion endlich habhaft wurden.

Die anderen Hühner waren nicht weniger scheu und schreckhaft: Sie flohen vor uns, stoben in Panik auseinander, wenn wir uns mit dem Futter näherten, und sogar wenn wir die Stalltür abends schlossen, brach drin das Chaos aus. Hatte uns das selbständige Ausbrüten von elf Küken noch über dieses untypische Hühnerverhalten hinweggetröstet, so war dies spätestens dann vorbei, als das Brüten überhaupt nicht mehr klappte, keine Eier mehr gelegt wurden und wir uns auch der zweiten Generation nach anderthalb Jahren nicht nähern konnten, ohne eine Massenpanik auszulösen. Wir zogen die Konsequenzen und reduzierten den Hühnerbestand, bis nur noch ein Hahn, zwei Hennen und ein Junghahn übrig waren. Das Ziel: Im Frühjahr eigene Küken in der Brutmaschine aufziehen. Zahme Küken, die uns von ihrem ersten Tag an kennen- und hoffentlich auch lieben lernen würden. Und um hofeigene Eier von glücklichen Hühnern auch in der Zeit zu haben, in der die Küken heranwuchsen, bestellten wir fünf Hennen und einen Hahn in einer Hühnerfarm. 

Leider beanspruchte der Junghahn genau dann die Hennen für sich, als Peter nicht da war. Ich konnte das Mobbing durch den älteren Hahn nicht mehr mit ansehen, und so zog ich eines Abends los, um mirJunghahn zum Essen zu holen. Beim vierten Versuch endlich hatte ich ihn mir unter den Arm geklemmt. Die Axt war mir eine Nummer zu schwer, aber irgendwie schaffte ich es doch, sie zielgenau zu setzen, so daß er schnell starb. Drei Tage lang aß ich Hühnchen. Und ab da waren es nur noch ein Panikhahn mit zwei Panikhennen.

Dann kam der Anruf, daß wir unsere Hühner abholen konnten. Am Abend zuvor schlachteten wir den Hahn und eine Henne. Die andere hatte sich rechtzeitig abgesetzt, und da es bereits dunkel war, fanden wir sie auch nicht, so daß ihr Leben verschont blieb. Als wir die neuen Hühner in den Stall setzten, saß sie bereits auf der Stange. Kurz brach die Hölle los, und dann war es ganz still.

Seit etwas über einer Woche haben wir jetzt Hybridhühner. Diese waren nicht an Menschen gewöhnt und entsprechend scheu, aber bereits am ersten Tag war deutlich, daß ihnen das Panikgen fehlt. Seit gestern verlassen sie den Stall und bewegen sich im ganzen Gehege, und damit begann die Zähmung: Wir setzen uns in ihr Gehege und locken sie mit Futter zu uns. Immer näher kommen sie, und heute pickte mir die erste Henne das Futter aus der Hand. Die Panikhenne läßt sich weiterhin nicht blicken, wenn wir unseren Hühnchen Gesellschaft leisten, und das wird sich wohl auch nicht mehr ändern.

Und da ich in den letzten beiden Wochen das Gefühl hatte, daß Edda die Hühner am liebsten jagen und erlegen möchte, gern mit anschließendem Festschmaus, wird auch sie an die Hühner gewöhnt. Wir versuchen, sie langsam an ihr Dasein als Herdenschutzhund heranzuführen und ihr zu erklären, daß die Hühner Familienmitglieder sind, und ich habe das Gefühl, daß sie es allmählich begreift. Denn wenn hier jemand glückliches Hühnchen ißt, dann sind das wohl wir beide, Peter und ich.

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